Persimmon Wind
Thema: Kultur
von cl 07/11/07

Doch nun zu „Persimmon Wind“. Der Untertitel deutet es schon an: „Persimmon Wind“ ist in erste Linie eine Bericht über Lowrys Reise nach und in Japan. Allerdings sind seine Schilderungen nicht nur deswegen interessant, weil Japan aus Sicht eines Kampfkünstlers geschildert wird; sondern der Reisebericht ist großen Teils autobiographisch und zeichnet sich durch eine hohe Sensibilität für die japanische Kultur aus. Aber auch von der sprachlichen Ästhetik her ist das Werk von Lowry lesenswert. Ihm gelingt es wiederholt, atmosphärisch tiefgründige Bilder zu zeichnen, welche die philosophische Tiefe des Budo und der japanischen Kultur und Sitten erkennen lassen. Doch wer nun befürchtet, bei „Persimmon Wind“ könnte es sich um „trockene Kost“ handelt, der irrt. Lowrys Werk sprüht vor Lebendigkeit und Humor; hat aber auch seine stillen, nachdenklichen Momente.

Man mag nun dieses Vorhaben als naives Unterfangen seitens Lowrys begreifen. Das dem nicht so ist, wird deutlich daran, daß Lowry von selbst auf dieses Thema zu sprechen kommt. Er erwartet nicht, daß antike Japan der Samurai wiederzufinden. Er warnt sogar den Leser vor dieser Motivation. Denn ein solches Unterfangen kann nur in Enttäuschung enden; Japan hat sich in den letzten hundert Jahren zu grundlegend verändert, als daß die Kultur der Samurai im Alltagsleben der Japaner jeder Zeit zu finden ist. Auch, so bemerkt Lowry weiter, würde man sich durch solch vorgefaßte Vorstellungen das Erfahren der japanischen Kultur selbst verwehren. Denn zwischen der westlichen Vorstellung wie Japan sein müßte und der Realität gibt es noch heute starke Unterschiede.
Ausgehend von diesen anfänglichen Überlegungen geht Lowry dazu über, seine Ankunft in Tokyo zu beschreiben. Sein erstes Abenteuer in Japan besteht darin, traditionelle, japanische Unterwäsche zu erstehen, was auf Seiten der japanischen Bevölkerung eher für Belustigung sorgt (und beim Leser auch). Denn anstatt das Anliegen von Lowry ernst zu nehmen, befaßt man sich mit der Größe seines Gemächts und der Frage, ob dieses tatsächlich in die kleingeschnittene japanische Unterwäsche passen würde. Was die diskutierenden Japaner nicht ahnen ist, daß Lowry durchaus des Japanischen mächtig ist. Nach der Beschreibung dieser kurzen, wenn auch verfänglichen Szene geht Lowry dazu über, den weiteren Verlauf seiner Reise zu beschreiben. Er verläßt Tokyo in Richtung des ländlichen Japans und damit auch zu den Ursprüngen des Budo. Dabei beschreibt er nicht nur das Iaido-Training in ländlichen Dojos, die Vorzüge der heißen Bäder in natürlichen Quellen, sondern ebenso die kulinarischen Genüsse der ländlichen japanischen Küche und die dortigen Sitten. Nudelsuppe wird grundsätzlich geschlürft; alles andere gilt als unziemlich und hinterwäldlerisch. Lowrys Reisenotizen brechen jedoch nicht an diesem Punkt ab. Er findet ebenso die Muße, die Architektur der japanischen Gärten und Burgen zu erläutern. All dies jedoch ohne aufdringlich oder belehrend zu wirken.
Den Höhepunkt findet Lowrys Werk in der Beschreibung seines Wiedersehens mit seinem Lehrer. Hieran wird deutlich, wie grundlegend sich die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler im Koryu und im Budo unterscheiden: Die Aufnahme in einen Ryu bedeutet gleichzeitig die Eingliederung in eine Familie, in einen Clan. Ausübung eines Koryu bedeutet damit das tägliche Erleben eines Koryu. Im Budo hingegen ist die Beziehung von Lehrer und Schüler zeitlich und funktional begrenzt. Sie besteht nur während des Trainings. Diesen Teil seines Buches nutzt Lowry darüber hinaus, über die Ursprünge des „Yagyu Shinkage Ryu“ zu reflektieren. Besondere Intensität erhalten diese Reflexionen durch den Lowrys Besuch des Wehrdorfes des Yagyu-Clans, dem Geburtsort des „Shinkage Ryu“. Weiterhin ist dies auch die Stelle in „Persimmon Wind“, an denen Lowry Andeutungen über die Okuden, die geheimen Lehren des „Shinkage Ryu“, macht.
Es gibt jedoch einen kleinen Wehrmutstropfen: Leider ist „Persimmon Wind“ nur in Englisch erschienen. Daher wird man die feinen Zwischentöne nur dann erfassen, soweit man ein gutes Sprachgefühl fürs Englische mitbringt. Andererseits kann man dies auch als Aufforderung begreifen, sein Englisch-Wörterbuch hervorzukramen. Denn läßt man sich von diesem Umstand abschrecken, entgeht einem einer der schönsten Abhandlungen zum Thema Budo und Japan. Und da bald Weihnachten ist, Dave Lowrys „Persimmon Wind“ sei einem wärmstens ans Herz gelegt.
Felipe Simmel, Hamburg
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