»Die Autorität des Lehrers schadet oft denen, die lernen wollen« (Marcus Tullius Cicero).

Dies ist ein persönlicher Versuch der Frage von Budo respektive Iaido und Autorität nachzugehen. Die Motivation einen solchen Artikel zu schreiben gab es bei mir schon lange. Den letztendlichen Ausschlag gaben einige Ereignisse im Dojo meines Lehrers, sowie zwei aussergewöhnliche Artikel (Kommentare), deren Weblinks ich gerne am Ende dieses Artikel beifügen möchte. In diesem Zusammenhang möchte ich auch meine Interpretation der Bedeutung der Dan-Graduierungen im Iaido zur Diskussion stellen.

Iaido ist als eine Budo-Disziplin und durch die Existenz eines Dan-Graduierungs-Systems natürlich per se hierarchisch. Eine Hierarchie bezeichnet ein System von Elementen, die einander über- bzw. untergeordnet sind. Daraus leitet sich das Prinzip von Autorität ab, da eine Person aufgrund grösserer Kompetenz, Wissen und Entschlusskraft einer anderen gegenüber weisungsbefugt ist und die untergeordnete Person Denken und Handeln nach der Autorität hin ausrichtet oder ausrichten muss. Im Budo wird dieses Prinzip vor allem durch das Verhältnis von Lehrer zum Schüler beschrieben. Sensei (Lehrer) — Sempai (fortgeschrittener Schüler) — Kempai (absoluter Novize). Wie sieht es in der Praxis des Budo-Lehrbetrieb aus?

Japanische Kanji: Sensei
Aus meiner Erfahrung gibt es bei vielen Lehrer die Vorstellung, dass der Anfänger erst mal zeigen müsse, ob er die Mühe wert ist ihn auszubilden. Das hatte zur Folge, dass erst mal der Kreis der Fortgeschrittenen unterrichtet wurde und die Anfänger froh sein konnten, wenn sie Unterweisung bekamen. Von vielen Neuen wurde das meist klaglos hingenommen, vermutlich, weil viele Anfänger ohne Budo-Hintergrund zwangsläufig mit vielen (falschen) Vorstellungen im Hinblick auf vermeintliche Autoritäten eine Budodisziplin beginnen. Leider wird von Seiten der Lehrenden oft wenig getan, um diese falschen Vorstellungen zu korrigieren. Im Gegenteil oftmals werden diese »Lehrmethoden« sogar als angeblich echte japanische Ausbildungsweise verkauft. »Fragt nicht ständig, sondern macht lieber«, »Erst wenn ihr einen Kyu-Grad habt, werdet ihr als Iaidoka geboren« sind Sätze, die mir auch heute noch gut in Erinnerung sind. Tatsächlich war und bin ich immer wieder überrascht, was alles an Rechtfertigung auch von gebildeten Menschen vorgebracht werden, um einfach mal blind zu gehorchen. Aber muss und soll das wirklich so sein: Brauchen wir so etwas im Iaido wirklich?
Sollte nicht jeder eine Ausbildung entsprechend seines Leistungsstandes bekommen, unabhängig von seinem Stand in der Hierarchie? Sollte es nicht das Lehren an sich sein, das Freude macht und unseren Horizont erweitert? Ist das nicht schon Ansporn genug?

Eine andere (Fehl?)Entwicklung scheint die Entwicklung des Iaido hin zu einer reinen Kata- und Wettkampf-Disziplin zu sein. Immer häufiger bekomme ich zu hören: »Das ist halt gerade so, die Senseis aus Japan wollen es so, deshalb muss das halt so gemacht werden. Denkt euch nichts dabei«. Auch von Schüler-Seite sind leider zum Teil Vorstellungen vorhanden, wie man sich am besten regelkonform verhält, damit man auch sicher ohne eigenes Nachdenken die Prüfung besteht.
O.K. wer Iaido allein unter diesem Aspekt sieht, warum nicht. Andererseits muss jede Sportart, die auch einen über das sportliche hinausgehenden Anspruch hat, offen sein für neue Entwicklungen (in welch grösserem Mass also eine Budodisziplin?). Wie kann man sich überhaupt entwickeln, wenn man einfach nur nachmachen soll? Sollte nicht im Gegenteil die Förderung eigener, authentischer Trainingsmethoden und Trainingsinhalte ein fester Bestandteil der Ausbildung eines Iaidoka sein? Selbst oder gerade wenn es vom (momentanen) Regelwerk abweicht?

Wenn jede dieser Bestrebung mit dem Hinweis: »So könnt ihr aber keine Prüfung oder Wettkampf bestehen«, oder »Das steht so nicht in den Regeln« beantwortet wird, bedeutet das auf lange Sicht nicht Einseitigkeit und den Stillstand der individuellen als auch der gesamten Iaido-Entwicklung?

Was sind also die Konsequenzen, um die Auswirkungen von falsch verstandener Autorität zu begrenzen und gleichzeitig das Iai als eine freie, authentische Budo-Disziplin und nicht als pures »Regelwerk« zu erhalten oder gar auszubauen?

Meiner Vorstellung nach sollte in das bestehende System der Dan-Graduierung als ein wesentliches Element die Entwicklung von individuellen und authentischen Trainingsmethoden aufgenommen werden mit dem ausdrücklichen Ziel, die »Freiheit der Lehre« zu befördern und auszubauen.

In den Dan-Graduierungen liegt eine offensichtliche doppelte dreier Gliederung vor:
erste dreier Gliederung 1—3, Lehre der Grundlagen der Technik
zweite dreier Gliederung 4—6, Verinnerlichung und Demonstration des Verständnis der Technik
dritte dreier Gliederung 7—9, Förderung bzw. Schaffung der Strukturen zur Entwicklung des Iaido, sowie Auswahl, Schaffung und Mordernisierung des aktuellen Kanon der Lehre

Innerhalb dieser drei grossen Bereiche haben die jeweiligen Dan-Grade die Funktion den Stand der Entwicklung zu belegen:
Vorhanden sein
Fortgeschritten und
Abschluss des Lerninhaltes.

Im Falle von Komplex 1 wuerde ein Iaidoka fuer eine Graduierung zum ersten Dan zeigen müssen, dass er die Grundlagen jeder einzelnen Grund-Technik beherrscht, wie zum Beispiel die Schnittechniken und Bewegungsabläufe der Setei Iai, sowie auch beginnende Koordination von Körper und Schwertbewegungen. Für die Graduierung zum zweiten Dan sollte gezeigt werden, dass die Einzel-Techniken in grösserer Dynamik ausgeführt werden können und im Falle der dritten Dan Prüfung, dass die Kenntnis von und die Erlernung der Basistechniken abgeschlossen ist. Am Ende des ersten Komplexes sollte der Iaidoka also zeigen können, dass er das Standard-Iai, so wie er es von seinem Lehrer, auf Lehrgängen (ob national oder international) reproduzieren und erklären kann.

Im zweiten Komplex sollte es bei der Ausbildung des Iaidoka mit dem von ihm erlernten Grundwissen darum, gehen die Lehrinhalte so weit zu verinnerlichen, dass er sie nicht nur vorführen, sondern auch lehren kann. Meiner Meinung nach sollte im Zuge dieser Entwicklung klar werden was der eigene Beitrag zur generellen Entwicklung des Iaido ist. Natürlich bleibt es jedem frei gestellt, ob er sich selbst als Lehrer berufen fühlt oder nicht, und daher ein Dojo bzw. Gruppe aufbaut oder eben nicht. In jedem Fall sollte ab dieser Graduierung die gelernten Methoden und Techniken kritisch hinterfragt werden und gegebenenfalls angepasst oder ergänzt werden. Dieser Prozess von einer unreflektiert übernommenen hin zu einer eigentständigen, authentisch originären Verstehen der Lehre muss dann in genau der gleichen dreigliedrigen Weise demonstriert werden. Am Ende dieser Ausbildungsspanne, die ja aufgrund der heutigen Regelung deutlich längere Entwicklungszeiten hat, soll der komplette Iaidoka stehen, der nicht nur eine Technik vorführen, sondern auch die Bedeutung aller Aspekte und Standpunkte (Sichtweisen) des Iai vermitteln kann, der die Lehre nachvollzogen, bewertet, mitgestaltet und weiterentwickelt hat.

Im dritten Komplex steht für mich dann als zentrale Aufgabe (Kriterium) die Förderung und Schaffung von Strukturen bzw. Rahmenbedingungen, welche die Berförderung des Iaido als Prinzip (ähnlich der Wissenschaft und Kultur) erlauben. Dieser Komplex beinhaltet mehr als die anderen auch eine politische oder gesellschaftliche Komponente, da ein Kriterium sein sollte inwiefern es gelingt das Iai als ein wichtiges kulturelles und zivilisatorisches Element, nachdem es in einem selbst verankert ist, auch in der Gesellschaft zu verankern. Als zweiten wichtigen Punkt sehe ich die “Freiheit der Lehre” zu fördern und zu gewährleisten, dass die nächste Generation von Lehrern die Chance hat, die Prinzipien der Lehre zu verinnerlichen und ihr eigenes Potential auszuschöpfen und einzubringen.
Ein weiterer Aspekt sollte die Mitbestimmung und Auswahl des Lehrprogrammes sein, das die Basis für die Iaido-Grundausbildung darstellt.
All diese Punkte sind natürlich allein national gesehen unmöglich umzusetzen, da sich das Iai natürlich nicht in einem Vakuum befindet. Diese Punkte können sich nur europäisch beziehungsweise international umsetzen lassen und so ist eine dementsprechende Vernetzung notwendig.

Meiner Meinung nach kann nur ein Graduierungsystem, dass sich der systematische Erforschung des Iaido und damit natürlich auch aller Sichtweisen sowohl technischer als auch philosophischer Natur widmet eine authentische Autorität garantieren, die nicht auf Personenkult, Herschafftswissen und ständiger Reglementierung beruht, sondern an Prinzipien gebunden ist, die jedem Iaidoka erlaubt die Autorität in sich selbst zu finden. Eine solche Vorstellung von Autorität empfinde ich universeller und damit auch übertragbarer auf andere Lebensbereiche, denn meiner Meinung nach sollte eine Autorität nicht als eine unfrei, sondern im Gegenteil als eine frei machenden Kraft erfahren werden.

Weblinks:
www.individual-combat-system.de/?p=162
bambusregen.blogspot.com/2008/07/zwischen-anspruch-und-wirklichkeit.html